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ARCHITECTURAL DESIGN | Master Thesis Project | FINISTERRE _Eine Metamorphose des Atlantikwalls und seiner Bunker im Kontext raumzeitlicher Untersuchungen

Explanation text from the author

Die Bunker des Atlantikwalls sind impotent. Sie warten auf ein Ereignis, das nicht eintreffen soll. Der 2. Weltkrieg ist vorbei. Diese Gefahr wird nicht mehr kommen. Sie sind Personifikationen einer Ideologie der Angst. Zwei-Meter-dicke Wände, monolithi- sche Masse, Starrheit, Unbewegtheit in sich selbst, Getriebensein von Außen, Dunkelheit. Sie blicken untätig in den Wandel der Landschaft. Auch die Stringtheoretiker und Stringtheoretikerinnen suchen seit Jahrzehnten nach Erkenntnissen über unser Universum. 2015 wurde durch Zufall ein Signal von zwei aufeinander gestoßenen Schwarzen Löchern gefunden, das 2016 zur Bestätigung der Einsteinschen Vorhersage der Gravitationswellen führte. Die Frage ist nur, welche unmittelbare Bedeutung diese Forschung für uns hat.

Ein anderes Erforschen der Raumzeit vollzieht sich im menschlichen Körper oder Leib in stetiger Bewegung durch Landschaften, gleich ob durch natürliche oder anthropogene Prozesse geformt, gleich ob reelle oder virtuelle Räume. Im Rahmen der Landschaftsästhetik sollen Spezifika der landschaftlichen Atmosphären erarbeitet werden und ein Verständnis für das menschliche Erleben dieser geschaffen werden. Die Philosophische Fakultät der Universität Erfurt beschreibt hierzu in einem Rahmenpapier zur Erfurter Raumzeitforschung eine Trialektik „der materialisierten, produzierten und imaginierten Konstitution von Raum und Zeit innerhalb sozialer Beziehungen und wirtschaftlich-technischer Netzwerke“.

Entlang des Atlantikwalls in der Normandie sollen Forschungseinrichtungen entstehen, die auch das Anekdotische quantifizierbar machen und sich anhand dieser Trialektik orientieren. Die Arbeit schlägt das Installieren dreier Körper an verschiedenen Orten der Normandiekü- ste vor. Als gebaute Messinstrumente fügen sie sich in einer offenkundigen Andersartigkeit an die sensiblen Austragungsorte des D-Days. Sie gehen mit dem Bild archäologischer Stätten um; Holzkonstruktionen, die die Bunker einnehmen, umspielen, erschließen; Holkonstruktionen, welche in ihrer Leichtfüßigkeit den Charakter eines Provisoriums annehmen und doch von materieller Redundanz und Festigkeit bestimmt sind. In ihrer rasterähnlichen Beschaffenheit und Orthogonalität stellen sie sich neben die verdrehten und gebrochenen Bunker und halten ihre gefrorenen Bewegungen in Momentaufnahmen fest.

OBSERVATORIUM
Vorbei an privaten Wohnhäusern und Pferdekoppeln führt ein schmaler Weg richtung Norden an den Strand von Cricqueboeuf bei Villerville. Westlich entlang der Küste findet sich hier eine Abfolge von drei mittelgroßen Bunkerpärchen, welche sich mit zunehmendem Voranschreiten visuell erschließen lassen und schließlich zugänglich sind. Vorbei am zweiten Bunkerpaar erstreckt sich ein weiter Blick hin zu einem entzwei gebrochenen Bunker. Sie alle sind mit den Jahren die Hänge hinabgerutscht und sind nun Teil eines mit Steinen geformten Wellenbrechers, welcher die Küstenlinie schützt. Von einem geradlinigen Steg werden die Besuchenden abgeholt und über die steinige Landschaft gehoben. Am Ende des Blickes inszeniert sich ein in die Lüfte erhobenes Forscherhaus, getragen von einer leichten Holzzangenkonstruktion, welche den Bunker metastasenhaft einnimmt.

Dort angelangt bewegt sich der Steg links vorbei am Bunker und wendet den Blick auf die Hänge. Auf Kopfhöhe wird ein Blick in den Bunker möglich: Dunkelheit. Dann hoch über eine Treppe und der erste Schritt auf die kippende Bunkeroberfläche wird begangen. Zwei Schritte, hinab und rechts der Weg in die Betonmasse. Es finden sich lediglich zwei Räume im Bunker. Einer völlig in Schwarz getaucht. der Andere ermöglicht über die eben passierte Öffnung einen Blick zurück und rahmt die kippenden Bunker am Wegesanfang. Eine zweite abgetreppte Öffnung lässt auf den Eingang des Bunkers blicken. Zurück ins Helle, führt der übrige Weg zu einer steigenden Treppe, welche auf das hölzerne Gerüst führt. Dicht gestellte Stützen fassen einen Raum. Eine letzte Körperwendung eröffnet eine hinabführende Treppe, welche den Blick auf den unendlichen Horizont des Meeres zelebriert. Über der sich wandelnden Schwelle der Gezeiten wird das Gebäude sanft von Wellen unterspült. Ein Boot erreicht das Haus.

STEG
Küstenwinde wehen. Wellen brechen. Beton im Meer. Abgesunkene Überreste des Mulberry Hafens finden sich um die Landungszone Goldbeach. Die Alliierten errichteten hier einen von zwei mobilen Häfen, als temporäre Landungsstation für die Versorgung der auf dem Festland kämpfenden Soldaten. Zu sehen sind vorrangig die Überreste der Phoenix Breakwaters, welche den Hafen vor der rauen See schützten, während im Inneren kilometerlange Stege vom Meer aufs Festland führten. Vereinzelte Whale-Elemente, also die Glieder der Stege, sind als Exponate am Ufer zu betrachten. Die Beetle-Pontons, welche auf den Wan- del der Gezeiten reagierten und die Glieder trugen, finden sich noch am Strand des Ortes Arromanches-les-Bains. Am westlichen Ende des Hafens sticht ein achthundert Meter langer Holzriegel in die Landschaft.

Auf mehreren horizontalen Ebenen erdenkt dieser Entwurf eine mehrdeutige Holzkonstruktion. Ähnlich einer Mole dient der Steg als Anlegestelle für Boote im Inneren des ehe- maligen Hafens, während Holzpfähle die verkümmernden Phoenix-Elemente armieren und das Meer nach Außen hin abschirmen. Auf Höhe des Meeresspiegels gleitet man vorbei an den Relikten und erreicht zunächst eine eingefasste Pontonplattform. Diese reagiert analog zu den Beetle-Elementen auf das Steigen und Fallen des Wassers. Diese Ebene, wie die Anderen auch, bespielt die gesamte Länge der Holzkonstruktion, welche über die Spuren im Holz die Wasserstände kommuniziert. Die zweite Ebene arbeitet gegenüber den Anderen mit einem Gefälle, welches von Süden nach Norden abfällt und verschiedene Perspektiven auf die Kulisse ermöglicht. Von hier führen alle hundert Meter vertikale Erschließungen auf die beiden obersten Ebenen, welche eine Straße bilden und Fußgängern, wie Fahrradfahre- rinnen unterschiedliche Geschwindigkeiten für das Erreichen der Anleger respektive des Festlandes ermöglichen. Die obere dieser beiden Ebenen liegt im Freien. Die untere hermetisch abgeschlossene Ebene schützt vor Witterung und richtet sich als Klangkörper nach der Umwelt aus, während seine transluzente Fassade einen nur dffusen Ausblick ermöglicht. Am Fuße des Steges erreicht man die über dreißig Meter hohen Steilklippen und somit das Festland, welches das Letzte der drei Gebilde beherbergt.

ARCHIV
Ein Feldrand. Ein Feld. Ein Baum. Tiefe Gräben schneiden sich zickzackförmig in die Landschaft von Colleville-sur-Mer. In dieser Umgebung finden sich vermehrt unterirdische Bunkersysteme mit den kleinsten Bunkern - den Ringständen. Sie dienten als Schutzkörper für Schützen. Dabei ermöglicht die oktogonale Kuppel einen 360° Blick in die Umwelt, wie den Blick in den Himmel. Nicht nur die Alliierten kamen von Oben, sondern auch der Niederschlag in Form von Schnee und Regen, da diese Bunker ohne Schutz vor Witterung konzi- piert sind. Das Unterirdische ist markiert vom Überirdischen. Bäume und andere Vegetation zeigen die Eingänge zu den Bunkern auf.

Das Archiv gräbt sich in das Litoral. Gleichzeitig nimmt es Motive des Ortes auf. Wie die schwere Steinplatte eines Sarkophags öffnet eine herausgedrehte Betonscheibe den Eingang in die Schneise. Dicke Betonwände führen hinab in die Dunkelheit, welche immer wieder gebrochen wird von herabscheinendem Sonnenlicht. Eine Pfütze spiegelt den letzten Regenschauer. Feuchtigkeit hängt in der Luft und eine weitere Treppe geleitet die Besuchenden in anderem Tempo hinab. Helligkeit. Ein Betonkörper schiebt sich schräg in den Gang. Verengung, immer weiter. Eine Öffnung, gerahmt von Holz. Dunkelheit, aber Gerüche. Chemie. Ein weiteres mal abwärts. Dann erneut ein Körper. Eine Schwelle. Ein Eingang, Durchgang und ein endloser Raum mit archivierten Plänen. Stichartig zurück und der weitere Weg führt über eine Rampe nach oben. Ein letzter Körper konfrontiert den Weg und levitiert über den Durchschreitenden. Dann wieder Licht und ein hölzerner Rahmen mit Stufen hinein in eine Bibliothek, eine Textsammlung. Die Schneise endet an einer brunnenartigen Situ- ation und führt hinaus, um den Parcours weiterzuzeichnen.

Das Fotoarchiv, das Planarchiv und das Textarchiv bilden eine Anlehnung an die schräg stehenden Bunker und werden von der Masse der Schneise durchstoßen, welche als funkti- onale Wand alle Innenräume verbindet und gleichzeitig das Archivarium trägt. Von diesem gehen jeweils spezifisch angelegte Holzkonstruktionen aus und bespielen den Luftleeren Raum. In ihrer von der Schneise ausgehenden Orthogonalität inszenieren sie das Herausgedrehtsein der Archivräume und erzeugen verschiedene innenräumliche Situationen, während das herabscheinende Zenitlicht den Verlauf der Tageszeiten sichtbar macht.
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Student work by: Pascal Kapitza
Coachings by: Prof. Matthias Karch, Prof. Helga Blocksdorf & Team IMD
Co-examiner: Prof. Helga Blocksdorf
Examiner: Prof. Matthias Karch

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